sPOTTlight Ruhrgebiet Blogger Elisabeth Musical Ruhrpott Interview

Was sagen andere über unseren Pott?

Eigentlich müsste hier ja heute unser Wort zum Sonntag stehen, das kennt ihr ja schon, ne? Heute geben wir diese Aufgabe aber an drei schmucke Herren weiter, die unsere liebe Helene mal über das Ruhrgebiet ausgefragt hat: Wie denken Menschen, die von ganz woanders kommen, über unsere Heimat? Was denken beispielsweise ein Wiener und ein Frankfurter über den Pott, seine Menschen und die Lebensqualität im Ruhrgebiet? Sehen die das alles ganz anders als ein gebürtiger Pottling, der seine Heimat vielleicht manchmal einfach zu verklärt betrachtet? Oder finden sie auch, dass Land und Leute hier doch irgendwie besonders sind? Das haben uns der gebürtige Frankfurter Mark Seibert, der Österreicher Thomas Weissengruber und der gebürtige (und überzeugte) Bottroper Thomas Hohler erzählt. Die drei sind Musical-Darsteller, touren aktuell mit dem Musical „Elisabeth – die wahre Geschichte der Sissi“ durch Deutschland und haben auch für einen Monat in Essen gastiert. Optimale Voraussetzungen also, um den Pott im direkten Vergleich zu anderen Metropolen einmal auf den neutralen Prüfstand zu stellen. Leider treten „der Tod und seine Gefährten“ derzeit nicht mehr in der Nähe auf (die aktuellen Tourdaten findet ihr hier), aber vor ihrer Abreise standen die drei uns noch Rede und Antwort – und soviel sei schon mal vorab verraten: Unser Ruhrpott kam dabei ziemlich gut weg! Thomas, was sagst du als Wiener und Großstädter zum Ruhrgebiet?

Thomas Weissengruber: Also, was mir besonders aufgefallen ist, das sind die Menschen hier. Den Wienern sagt man ja nach, dass sie zwar Charme und sehr viel Humor haben; ich würde aber trotzdem sagen, dass der Wiener an sich nicht gerade für seine Freundlichkeit bekannt ist. Hier fällt mir dagegen auf, dass genau das besonders stark ist. Ich wurde selten so freundlich aufgenommen wie hier. Wenn du schon allein auf der Straße irgendwelche Leute ansprichst, oder im Café bist, fangen die Leute einfach so mit dir zu quatschen an. Das passiert in Wien eher weniger. Hier geht es mir ständig so, dass man einfach so und total nett mit den Leuten ins Plaudern kommt. Die sind einfach super offen und das mag ich hier sehr. Ich habe den Eindruck, dass es den Menschen hier vielleicht noch mehr um das Wesentliche geht und nicht so sehr um Äußerlichkeiten – das lässt sie sehr authentisch rüberkommen.

Und du, Thomas, bist Ruhrgebietler aus Überzeugung? Was zeichnet das Ruhrgebiet für dich aus?

Thomas Hohler: Ich bin gebürtiger Bottroper und auch wieder Wahlbottroper, also echter Ruhri. Das hat viel mit meiner Familie zu tun, die ich sehr gern mag. Aber ich habe durch meinen Beruf viele andere Städte kennenlernen dürfen, habe in Stuttgart und Berlin gelebt, viele Tourneen gespielt, war auch schon viel im Ausland. Daher denke ich, meine Liebe zum Ruhrgebiet beweist mein Wohnsitz. Was das Ruhrgebiet auszeichnet, kann ich in einem Satz gar nicht zusammenfassen; und ich glaube, genau DAS zeichnet das Ruhrgebiet aus: dass es so vielschichtig ist. Ganz vorne steht für mich die Mentalität der Menschen hier. Ich glaube auch nicht, dass das nur damit etwas zu tun hat, dass ich selbst hier geboren bin; ich finde, wir sind offene und unkomplizierte Leute und wir sind pragmatisch; da wird nicht lange um den heißen Brei geredet, jeder hilft einem und man kommt sofort mit jedem hier klar.

sPOTTlight Ruhrgebiet Blogger Elisabeth Musical Ruhrpott Interview
Thomas Hohler. Bild: Semmel Concerts Entertainment GmbH

Kannst du das unterschreiben, Marc? Ist es die Freundlichkeit, was die Menschen hier ausmacht?

Mark Seibert: Ja, auf jeden Fall. Die Leute hier tragen das Herz am rechten Fleck! Die Leute im Ruhrpott und darüber hinaus, bis ins Rheinland, das sind schon lustige und offene Menschen. Ich kenne die Gegend hier inzwischen ganz gut, und auch wenn es Ecken im Ruhrgebiet gibt, denen ich noch nicht so viel abgewinnen kann, dann finde ich es hier besonders schön, dass so vieles relativ nah beieinander liegt; ich arbeite immer mal wieder hier im Ruhrgebiet auf Galas, Konzerten, Proben und was zum Beispiel Musicals betrifft: Da sind Essen oder Oberhausen und auch Köln und Düsseldorf sind nicht weit weg. So ist hier irgendwie immer irgendwo etwas los und es ist angenehm, dass man hier quasi viele kleine Metropolen um die Ecke hat. Das ist in Wien anders, da hat man 20 Kilometer außerhalb nicht mehr viel und muss erst mal in den Flieger steigen, wenn man in eine andere Metropole möchte.

Und wie gefällt einem als Wiener das Ruhrgebiet?

Thomas Weissengruber: Als Wiener bin ich da natürlich verwöhnt. Es gibt selten eine Stadt, die soviel Geschichtliches oder Kulturelles zu bieten hat, wie Wien. Wenn man auf Tournee ist, bleibt leider zu wenig Zeit, als dass man eine Stadt richtig aufnehmen kann. Was mir aber gefällt sind die Gegenden, die diesen industriellen Charme versprühen und wo man versucht hat, den alten Stil zu modernisieren oder wiederherzustellen. Man müsste hier einfach noch mehr davon restaurieren. Doch selbst wenn es, wie in jeder anderen Stadt auch, auch hier Gegenden gibt, die optisch nicht so viel hermachen, sind die Menschen für mich viel wichtiger. Du kannst in der tollsten Stadt sein, aber wenn die Menschen dort anstrengend sind oder Du Dich nicht willkommen fühlst, macht es das nicht wieder wett. Und hier im Ruhrgebiet fühle ich mich deswegen total wohl. Hier wird man nicht geblendet von irgendwelchen schönen oder künstlichen Fassaden der Gebäude aber auch der Menschen, wie vielleicht in manch anderen Städten. Hier im Ruhrgebiet erscheint alles echt und ohne künstliche Fassade.

Thomas Weissengruber. Bild: Privat
Thomas Weissengruber. Bild: Privat

Meinst du, dass das Dinge sind, die die Leute hier von denen aus anderen Städten tatsächlich unterscheidet?

Thomas Hohler: Ja, es gibt definitiv Unterschiede. Ich bin niemand, der Menschen alle über einen Kamm schert; aber ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass ich mit den Leuten aus dem Pott einfach am schnellsten warm werde, weil sie einfach authentisch sind. Aber mir gefällt auch unsere Industriekultur. Zum Beispiel das Colosseum Theater in Essen ist eines der schönsten Theater, in denen ich je gespielt habe. Das Haus hat Charme, es hat positive Energie, denn es hat gelebt. Ich mag das, wenn man im Landschaftspark Duisburg Nord noch die alten Türme sieht und da rumkraxeln kann, die Zeche Zollverein sieht und weiß, man kann sich hier erholen. Das ist schön, denn das ist Geschichte.

Steckt denn hinter dem Vorurteil, hier sei es schmutzig und grau, eine Wahrheit?

Thomas Hohler: Nein, überhaupt nicht, ganz im Gegenteil! Wenn ich die Zeit dazu habe, dann bin ich gerne mit dem Fahrrad unterwegs – und von meinem zu Hause innerhalb von fünfzehn Minuten im Grünen, mit Anschluss ans Münsterland; und ich bin in 25 Minuten am Rhein, eine ganz andere landschaftliche Welt oder in einer halben Stunde an der Ruhr, Richtung Baldeneysee, da wird’s ja schon fast bergisch. Also ich glaube abwechslungsreicher geht es kaum mehr von der Natur her, da kann man sich hier nicht beklagen.

Die Menschen hier haben oft ein ganz besonderes Verhältnis zu ihrer Heimat Ruhrgebiet und identifizieren sich sehr mit dieser. Wie ist das bei euch? Ist es nicht gerade in eurem Beruf, in dem ihr so viel unterwegs seid, schwierig, den Bezug zur Heimat aufrechtzuerhalten?

Mark Seibert: In meinem Fall ist das in der Tat nicht leicht. Dadurch dass ich sehr viel und teilweise über Jahre unterwegs war, konnte ich mir ein richtiges zu Hause gar nicht aufbauen. Ich bin immer mit Sack und Pack dahin, wo gerade der beste Job war und so hat man immer das Gefühl, man ist auf der Durchreise und kommt nirgendwo so richtig an. Das fehlt mir total, aber man muss das Beste draus machen und ich gebe die Hoffnung nicht auf, irgendwann auch mal dauerhaft anzukommen, um zu wissen, wohin man gehört. Mein Lebensmittelpunkt hat sich in den letzten zwölf Jahren schon drei Mal verändert und im Moment ist es eben Wien. Man muss als Darsteller versuchen, den richtigen Mix zu finden, so dass man am Ende des Jahres sagen kann, ich habe mich gefordert, mir aber auch Ruhepausen gegönnt, in denen das Private und die Heimat nicht zu kurz gekommen sind.

sPOTTlight Ruhrgebiet Blogger Elisabeth Musical Ruhrpott Interview
Mark Seibert. Bild: Herbert Schulze

Thomas Hohler: In unserem Beruf tun sich zwei Extreme auf: Es gibt Zeiten, da ist man über Monate gar nicht zu Hause, dann gibt es aber auch Zeiträume (die ich mir auch manchmal extra schaffe), wo ich mal wieder einen Monat Ruhrgebiet, Zuhause und Heimat tanken kann. Und das nutze ich dann bewusst ganz intensiv, verbringe viel Zeit mit der Familie und das gibt mir dann wieder Kraft. Es ist schön diesen Mittelpunkt zu haben, wo man auftanken kann.

Wächst man auf einer Tournee so stark zusammen, dass auch eine Art Familienersatz entsteht?

Thomas Weissengruber: Es entsteht natürlich etwas, eine Art Zusammenhalt, aber Familienersatz wäre zu viel. Du hast einzelne Leute, mit denen Du besser kannst und die können auch Bezugspersonen werden, bei denen du zwischendurch dann mal die Seele ausschütten kannst. Sonst wäre es schon sehr einsam, wenn man die ganze Zeit nur für sich wäre unterwegs.

Letzte Frage: Muss das Ruhrgebiet sich hinter Metropolen wie München, Berlin oder Hamburg verstecken?

Thomas Hohler: Gar nicht! Mittlerweile und gerade seitdem wir Kulturhauptstadt waren, hat sich einiges verändert. Die Leute gucken und kommen, die Städte verändern sich – es geht hier viel bergauf. Wenn mich jemand fragen würde, dann hätte ich nur einen Verbesserungsvorschlag: Wir sind schlecht vernetzt. Unser Nahverkehrssystem ist noch richtig ausbaufähig. Es ist kompliziert zwischen den einzelnen Städten hin- und herzufahren, weil wir verschiedene Verkehrsverbände haben. Da haben wir wirklich einen großen Nachteil im Vergleich zu Berlin oder München. Aber wenn man das ausklammert, dann sind wir hier die geilste Großstadt der Welt!

4 thoughts on “Was sagen andere über unseren Pott?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s